Drachen-geil?!

Der mittlerweile achte Ableger der vor allem in Japan extrem beliebten Yakuza-Reihe ist am 20. Januar 2020 bereits in Japan erschienen und hat nun endlich den Weg auch in westliche Gefilde gefunden. Fans der Reihe müssen sich in diesem Teil aber auf einigen wesentlichen Änderungen im Design und bei den Charakteren gefasst machen. Ob die Mechaniken, die das Studio Ryu Ga Gotoku im neuen Teil einführen, denn nun greifen oder ob wir uns die alte Riege wieder zurück wünschen, wollen wir in diesem Test nun herausfinden.
Einen neuen Helden braucht das…
... organisierte Verbrechen!!! Wie in den vorherigen Teilen übernehmen wir die Rolle eines Mitglieds der japanischen Mafia, den titelgebenden Yakuza. Während wir in den vorherigen Teilen aber meistens die Rolle von Kazuma Kiryu übernommen haben, bekommen wir in diesem Teil den Geldeintreiber und auf unterem Rang stehenden Ichiban Kasuga als Hauptcharakter spendiert. Ichiban ist eigentlich ein anständiger Vertreter der Yakuza, welcher voller Überzeugung und aufgrund seiner teilweise recht gutgläubigen Art Teil der Arakawa-Familie geworden ist, nachdem der Patriarch ihm einst das Leben rettete. Diese Überzeugung und sein Respekt gegenüber seinem Patriarchen bringen Ichiban allerdings für 18 Jahre ins Gefängnis, nur um dann festzustellen, dass seine Familie ihn fallen gelassen hat. Das sind keine wirklichen Spoiler, da die Geschichte hiermit erst beginnt. Verzweifelt und ohne weiteren Sinn im Leben beginnt für den Kämpfer Ichiban nun ein neuer Abschnitt in seinem Leben. Aber nicht nur der Hauptcharakter ist neu. Auch das Setting wurde geändert, sodass ein Großteil des Spiels in Yokohama spielt und nur für wenig Spielzeit Kamurocho als Schauplatz dient. Neben dem Hauptcharakter und dem Setting gibt es auch einige Neuerungen beim Kampfsystem. Wir haben es in Yakuza: Like a Dragon nämlich mit einem waschechten JRPG zu tun. Nein, ich bin nicht wahnsinnig oder habe eine Handyversion von Yakuza gespielt. Es ist wirklich ein JRPG. Mit TP, MP, rundenbasierten Kämpfen, Elementen, Elementaren-Schwächen und so weiter. Während wir das Spiel alleine starten, bekommen wir im Verlauf der Story noch weitere Charaktere vorgestellt, die mit Ichiban eine Party formen, um die stärker werdenden Gegner nach allen Regeln der Kunst zu verprügeln. Hier wäre zum Beispiel Adachi zu nennen, ein ehemaliger Cop, der aufgrund der Korruption seiner Vorgesetzten erst versetzt und im Anschluss gefeuert wurde, oder der Obdachlose Nanba, welcher vor seiner Zeit auf der Straße in der Pflege gearbeitet hat, nur um dort Medikamente zu klauen und sie teuer zu verkaufen. Insgesamt gibt es im Laufe des Spiels neben Ichiban noch 6 weitere Charaktere, die aktiv im Kampf involviert sind. Die maximale Größe der aktiven Gruppe beträgt vier Charaktere. Diese können wir mit jobspezifischen Waffen, unterschiedlichen Rüstungen für Kopf, Körper und Beine sowie zwei Accessoires ausrüsten. Wie in den guten, alten Final Fantasy-Teilen ist sogar eine Art Job-System integriert. Diese sind natürlich nicht auf Fantasy getrimmt, sodass die Bezeichnungen wie Held, Paladin oder Magier drin vorkommen. Okay, ertappt. Der Job Held ist wirklich vorhanden, aber nur für Ichiban. Das liegt an seiner Liebe zu Dragon Quest. Die anderen Jobs sind eher auf die reale Welt abgestimmt: Detective, Obdachloser, Vorarbeiter oder Idol, um nur ein paar zu nennen. Es gibt insgesamt 14 Jobs, wovon sich zwei hinter einem DLC verstecken. Leveln funktioniert natürlich über gewonnene Kämpfe, wobei hier die Level XP und die Job XP existieren, also so ähnlich wie XP und AP bei Final Fantasy. Steigen wir im Charakterlevel, steigen auch unsere Werte und wir können neue Charakter-spezifische Fähigkeiten erlernen. Das gleiche gilt dann auch für unsere Jobs. Der Unterschied ist nur, dass bei dem Wechseln des Jobs die Fähigkeiten getauscht werden und durch die Fähigkeiten des neuen Jobs ersetzt werden. Die Charakter-spezifischen Fähigkeiten bleiben. Das Job-System ist aber auch leider einer der negativen Punkte in meinen Augen. Es kommt da natürlich auf den Spieler selbst an und ich muss sagen, es ist schon interessant, welcher Job welche Waffe benutzt. Aber ich habe bisher erst einmal wirklich das Bedürfnis gehabt, die Jobs zu wechseln. Das war bei einem der ersten weiblichen Helden. Richtig gehört: Mit Saeko Mukoda und Eri Kamataki gibt es erstmals spielbare weibliche Heldinnen in der Yakuza-Reihe! Saeko’s Anfangsjob empfand ich nämlich als extrem unnütz, weswegen ich sie direkt zum Idol gemacht habe, welche mit starken Debuffs und noch stärkeren Heals ausgestattet ist. Die Jobs der anderen Charaktere sind aber absolut stark genug, um nicht den Wechsel anstreben zu müssen.
Typisch Yakuza
Der Rest ist aber typisch Yakuza. Es ist alles irgendwie Over the Top und mannigfaltig. Die Story ist prima gelungen und interessant geschrieben, wird aber von einigen nicht immer nachvollziehbaren Twists verkompliziert. Die Menge an Dialog und Zwischensequenzen ist einfach erneut riesig und wirft manchmal die Frage auf, ob wirklich alles so durchgekaut werden muss. Ein Beispiel: Ich habe circa 20 Stunden Spielzeit gehabt, samt ein wenig Level-Grind und Nebengeschichten. Daraufhin hat sich meine Festplatte verabschiedet und die Daten wurden nicht in der Cloud gespeichert, sodass ich von vorne beginnen musste. Durch das Skippen der Zwischensequenzen und das Reduzieren des Level-Grinds auf ein Minimum habe ich ungefähr fünf Stunden gebraucht, bis ich an dem Ort war, an dem ich vor dem Alterstod meiner Festplatte war. Die Sequenzen sind dennoch wieder sehenswert und lassen unsere Charaktere sehr menschlich wirken, mit ihren eigenen Problemen und Zielen. Ich muss Sega in dem Fall lassen, dass mich die meisten Dialoge und Zwischensequenzen doch schon bei Laune gehalten haben - das schaffen auch nicht alle Spiele. Die Qualität der Hauptquest ist dabei fast durchgehend auf hohem Niveau, dafür sind jedoch die Nebenquests aber leider nur in seltenen Fällen gelungen. Und es gibt sowohl vom ersteren, als auch von letzterem mehr als genug in den insgesamt 15 Kapiteln zu erleben. Der Bezirk Isezaki Ijincho, in welchem wir uns in Yokohama befinden, ist ebenfalls sehr abwechslungsreich gestaltet und hat einige Sehenswürdigkeiten zu bieten.Dabei sind die einzelnen Bereiche der Map unterschiedlich gestaltet, wie zum Beispiel der Kontrast zwischen dem armen Bezirk im Westen und die Banker-Area im Nordosten der Stadt. Hier treffen wir übrigens auch immer wieder auf verschiedene Gegnertypen. Die Level der Gegner sind aber leider so programmiert, dass sie nicht mitleveln, sondern nur an ihren Platz in der Spielwelt angepasst sind. Das was Yakuza aber auch in diesem Ableger absolut einmalig macht, ist die Menge an Nebenbeschäftigungen. Karaoke, Baseball, Golf, Dosen sammeln, Glücksspiel, Sujimon fangen, Part-Time-Hero-Jobs, Darten, Ichibans Persönlichkeit und die Bindung der Gruppe verbessern... Was es noch alles gibt, um sich die Zeit zu vertreiben, weiß wirklich nur Kiryu. Man kann alleine in diese “Ich hab gerade keinen Bock auf nix, los lass uns Karaoke singen!”-Dinge einfach so dermaßen viel Zeit investieren, das selbst die Spielzeit eines CS GO-Profis winzig wirkt.
Ein Tipp sei eventuell noch erwähnt, da es im Grunde auch zu einer Nebenbeschäftigung gehört: Vernachlässigt nie eure Schmiede. In dieser könnt ihr gefundene oder erzockte Gegenstände in neue Waffen, Rüstungen oder Waffenupgrades investieren.
Next-Gen-Check (Xbox Series X): Der neuste Yakuza-Ableger profitiert massiv von der hohen Leistung der neuen Microsoft Konsole. „Like a Dragon“ läuft zu jedem Zeitpunkt mit 60 Bildern pro Sekunde bei einer nativen 4K-Auflösung. Darüber hinaus sind die Ladezeiten sehr kurz. Grafisch ist der Konsolenableger auf dem Niveau eines High-End Gaming-PCs.


Prachtvoll
Ein weiterer Aspekt, den wir behandeln müssen, ist natürlich die grafische und audiotechnische Untermalung. Eine Spielwelt kann noch so schön sein, es hilft nichts, wenn einfach kein Flair aufkommt und die Straßen wie leergefegt sind. Hier hat Yakuza leider ein etwas umgekehrtes Problem. Die Animationen der Gesichter sind stabil auf hohem Niveau, die Bewegungen sind flüssig, auch wenn sie manchmal etwas steif oder unwillkürlich wirken, und in Kämpfen ist die Grafikqualität ebenfalls sehr stark. Hier werden Effektgewitter inszeniert und die Kollisionsabfrage hat immer was zu tun. Dafür sehen sich viele der Gegnertypen sehr ähnlich und haben oft auch gleiche Angriffe. Die Stadt selbst wirkt dafür wie aus einem Guss: Es laufen überall Leute umher und lassen alles sehr lebendig wirken und die rücksichtslosen Autofahrer tun ihr übriges. Dafür sehen viele Texturen recht matschig aus und die Engine kämpft mit einigen Nachladerucklern. Das ist erstens der Betagtheit der Engine geschuldet und zweitens der Cross-Gen-Entwicklung. Die Version für die XBox Series X läuft leider nicht wirklich besser und auch hier wird mit den gleichen Problemen gekämpft. Dafür ist die Audiotechnik absolut hervorragend. Die Geräusche der Stadt schaffen eine lebhafte Kulisse es kracht und rummst in den Kämpfen, wenn wir unsere Skills zünden, und Sega hat diesem Yakuza-Ableger eine “fast” Vollvertonung auf Englisch und Japanisch gegönnt. Sowohl die englischen, wie auch japanischen Sprecher liefern dabei eine sehr gute Leistung ab, auch wenn ich persönlich bei dieser Art von Spiel die japanische Tonspur bevorzuge. Mit “fast” meine ich, dass manche Gespräche in den Ingame-Sequenzen nicht vertont wurden, hier ist also weiterhin Lesearbeit angesagt. Bei der Menge der Zwischen- und Dialog-Sequenzen ist das aber nicht anders zu erwarten gewesen. Untertitel sind ebenfalls anwählbar, wobei man man sich meistens auf die deutsche Übersetzung verlassen kann, auch wenn hier und da mal ein Rechtschreibfehler ist oder die Übersetzung anders deutbar ist. Ein weiterer Pluspunkt: Wir können jetzt endlich unsere liebsten Yakuza-Karaoke-Songs auch auf Englisch hören und fleißig mitträllern. Danke dafür Sega. Wer einmal zu Maschine Gun Kiss mit gejault hat, wird das nie wieder missen wollen.

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