Noch zeitgemäß?

18 Jahre sind eine lange Zeit. Sogar eine sehr lange Zeit. Man sieht seine Kinder aufwachsen oder sogar seine liebste Spielereihe in Runde Sechs oder Sieben gehen. Für uns bedeuten diese 18 Jahre aber, dass Yu Suzuki endlich den dritten Teil der Shenmue-Reihe veröffentlichen konnte und wir uns in ein weiteres Abenteuer mit Ryo Hazuki begeben, um den Mörder seines Vaters zu finden. Aber hat Shenmue 3 überhaupt noch die Qualitäten, um wie seine Hall of Fame-Vorgänger die Landschaft der Videospiele zu beeinflussen?
Was lange währt wird endlich gut?
Wir schreiben das Jahr 2000. PC und Konsolenspieler werden mit einer Vielzahl unglaublich guter Spiele überschüttet. Beispiele wären Final Fantasy 9 für die Playstation, Perfect Dark für die Nintendo 64 oder Diablo 2 für den PC. Aber was viele vergessen ist, dass zu dieser Zeit noch eine weitere Macht auf dem Markt der Konsolen mitmischte. In einer längst vergessenen Ära war nämlich noch Sega mit der Sega Dreamcast auf dem hart umkämpften Markt vertreten. Mit Spielen wie Jet Set Radio oder Crazy Taxi schon gut bestückt, trat urplötzlich ein Spiel auf die Bühne, welches die eher rar gesäten Besitzer einer Dreamcast in wahre Jubelstürme versetzte. Dies passierte am 01.12.2000. Denn an diesem Tag wurde Shenmue auch in Europa veröffentlicht und Kritiker waren sich einig, dass ein Hall of Fame-Kandidat veröffentlicht wurde. Ich kann mich noch an lange schlaflose Übernachtungen bei meinem Kumpel erinnern, in welchen wir uns an Shenmue begaben und fasziniert von der Grafik, der für damalige Verhältnisse offenen Spielwelt und ihrer Geschichte waren. Auch Shenmue 2 aus dem Jahr 2001 war erneut eine Meisterleistung von Yu Suzuki und seinem Team, sodass ich es kaum erwarten konnte, den dritten Teil endlich zu spielen. Aber das Warten wurde länger und länger. Irgendwann war Shenmue 3 auf meiner Liste von “Das wird eh nicht mehr veröffentlicht”-Spielen gelandet und ich vergaß die schöne Zeit. Aber jetzt ist es endlich soweit und Shenmue 3 wurde nach einigen Problemen im Vorfeld released.
Leider nicht!!
Shenmue 3 beginnt direkt dort, wo vor 18 Jahren der zweite Teil aufhörte, nämlich in einer Höhle in der chinesischen Region Guangxi. Ryo und Shenua sind in der ländlichen Provinz unterwegs, um mehr über das Phoenixsiegel zu erfahren. Hier merkt man dem Spiel vor allem eins an: Die Umgebungen sind hübsch und gerade die Wiesen und Gebäude haben einen unglaublichen Charme, aber die Animationen der Bewegungen sowie auch die Gestik und Mimik wirken einfach altbacken. Stocksteif könnte man schon fast sagen. Man spürt Shenmue 3 einfach seine sehr lange Entwicklungszeit an. Dies schlägt sich leider auch im Spieltempo und in der Grundthematik der Lebenssimulation nieder. Auch wenn die Stadt Bailu eigentlich schön zum Erkunden einladen würde, können wir dies nicht direkt machen. Das Spiel lotst uns nämlich immer wieder auf den richtigen Weg, indem es uns umkehren lässt, wenn wir in die falsche Richtung laufen oder die Wege versperrt. Dies ist natürlich beabsichtigt, um uns die vielen kleinen Details zu zeigen, stört mich persönlich aber sehr stark, weil gerade bei Open World-Spielen alles schon besser zu sehen war. Weiterhin kann man Ryos Fähigkeiten in Kung Fu durch Trainingseinheiten im örtlichen Dojo verbessern, welche bis auf die Kämpfe selber aber nichts anderes als monotone Quicktime-Events sind. Hier kommt aber eine weitere problematische Mechanik ins Spiel. Wir treffen immer wieder auf Gegner, welche wir ohne Probleme besiegen könnten. Das Spiel selber möchte dies aber nicht und aufgrund dessen verlieren wir den Kampf trotzdem, um dann eine Spezialtechnik erlernen zu müssen. Und hier kommen wir noch einmal auf die Thematik Lebenssimulation zu sprechen. Wer sich etwas leisten will, muss arbeiten. In unserem Fall ist es Holzhacken, Pflanzen sammeln oder Glücksspiel (Kapsel-Sets öffnen und verkaufen, Marken gewinnen und so weiter). Gerade das Erlernen der Spezialtechniken ist meistens mit dem Aufbringen horrender Mengen Yuan verbunden. Sei es ein Sake für 2000 Yuan oder eine Technik, welche wir für 5000 Yuan erstehen können. Das sind in Shenmue keine Peanuts. Deswegen verbringen wir leider viel Zeit beim Holzhacken oder anderen Geld-einbringenden Aufgaben. Zusätzlich besitzt Ryo nämlich einen Magen, der eher mit einem schwarzen Loch vergleichbar ist. Gemeint ist damit das Energiesystem. Egal was wir machen: Wir verbrauchen Energie. Um diese wieder aufzufrischen, müssen wir essen. Dieses kostet natürlich auch wieder und je mehr man trainiert hat, desto höher ist zwar die Energie, aber auch die Kosten, um diese wieder aufzufrischen. Leider wirkt Shenmue 3 in vielen Belangen sehr sperrig und veraltet.
Durchbeißen
Auch wenn alles sehr sperrig wirkt, ist der Hauptgrund, Shenmue 3 zu spielen, immer noch die Geschichte. Wir verfolgen immerhin seit fast 20 Jahren den Mörder von Ryos Vater. Und hier muss man klar gestehen, die Geschichte ist erneut gut geschrieben und birgt einige interessante Aspekte. Auch wenn sie sich ordentlich Zeit lässt. Die Atmosphäre der einzelnen Bereiche ist genial. Die musikalische Untermalung und die Menge an Personen, welche sich dort aufhalten, lassen alles sehr lebendig rüberkommen. Außerdem bietet uns Shenmue 3 nun endlich Nebenquests, welche entweder zusätzliche Infos oder nützliche Dinge springen lassen. Zur Atmosphäre trägt da auch die komplette Vertonung bei. Wahlweise auf Japanisch oder Englisch, jedoch mit deutschen Untertiteln. Ich empfehle hier aber ganz klar die japanische Tonspur, da einige der englischen Sprecher eher deplaziert wirken und teilweise gelangweilt klingen. Die Story selbst entwickelt einen angenehmen Spannungsbogen und bietet auch einigen Fanservice, was das erneute Auftreten von Charakteren aus den ersten beiden Titeln umfasst.
Shenmue 3 ist ab sofort für 42,50 Euro als PlayStation 4- und PC-Version im Handel erhältlich.

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