Low Budget Doom

Wir alle kennen es inzwischen: In der düsteren Zukunft des 41. Jahrtausends gibt es nur Krieg. Games Workshop sorgt seit vielen Jahren mit unzähligen Videospiel-Partnerschaften dafür, dass jeder irgendwo ein Warhammer-Spiel herumfliegen hat. Jetzt steht wieder eins in den Startlöchern: Necromunda: Hired Gun aus dem Hause Streum On Studio. Ein Dschungel aus Beton, Stahl und Verzweiflung erwartet uns... Und unser bester Freund ist unsere Wumme.
Abseits von Astartes und Xenos
Wir haben Schlachtfelder verwüstet in Dawn of War, die Sterne erzittern lassen in Battlefleet Gothic und einen Waaagh! als Ultramarines-Captain aufgehalten... Welche Horizonte es also noch zu erobern gibt, fragt ihr? Die im Inneren des Imperiums selbst. Nicht für ein höheres Ziel, nicht für den Imperator... Nur für uns, ein dickes Bankkonto und unser Überleben. Necromunda hat nicht viel übrig für „Helden“. Das Imperium der Menschheit ist voll von Makropolwelten – riesige Stadtwelten, deren gesamte Oberflächen seit hunderten von Jahren mit Städten bedeckt sind. Wie eine Zwiebel (oder ein Oger) haben sich im Laufe der Jahrtausende dutzende Schichten nach oben gebildet. Wer auf den untersten Ebenen einer solchen Makropole geboren wird, hat gute Chancen, nicht ein einziges Mal das Sonnenlicht zu sehen. Necromunda ist die größte dieser Makropolwelten... Was für uns nur heißt, dass man umso tiefer fällt, wenn man mal oben ist. Dabei machen wir das Beste aus einem Leben zwischen Gewalt, kriegerischen Banden und der Ungewissheit, ob man den nächsten Tag noch erlebt. Mehr noch: Wir fordern das Glück schier heraus! Denn wir sind Kopfgeldjäger. Mit unserem getreuen Cyber-Hund an unserer Seite gehen wir den dunkelsten Gestalten in einer Stadt nach, in der niemand wirklich gut ist. Dabei bringen wir alles an Feuerpower mit an den Tisch, was das Imperium der Menschheit so zu bieten hat. Eigentlich sind wir echt gut in dem, was wir tun... Bis zu diesem einen, verflixten Job. Alles läuft wie am Schnürchen, die üblichen Gangmitglieder haben uns wenig entgegenzusetzen. Bis der Kontakt zu einem unseren Partner abbricht. Wir machen weiter – aber kurz darauf segnet auch unser anderer Partner das Zeitliche. Wir sind allein. Irgendjemand ist da draußen und macht Jagd auf uns. Alles, was es braucht, ist ein falscher Moment und eine eigentlich erfolgreiche Jagd verwandelt sich in einen Kampf ums Überleben – in dem wir nicht wirklich wissen, ob die Leute, die uns helfen, wirklich auf unserer Seite sind. That's a bounty hunter life for you. Rache steht auf dem Menü.
Verbessern, durchladen, abdrücken
Wer ein Spiel im Stile von E.Y.E: Divine Cybermancy erwartet (wie ich ursprünglich), wird von Necromunda eines besseres belehrt und findet dennoch viele stilistische Entscheidungen, die an den Tausend-Möglichkeiten-Shooter der Entwickler erinnern. Wieder starten wir in Ego-Perspektive in ein kugel-geladenes Abenteuer. Zwei Pistolen, eine einfache und eine Spezial- oder Schwere Waffe können wir vor jedem Missionsbeginn in unseren Waffengurt packen. Und wo kriegen wir die her? Aus Martyr's End. In dieser alten Kathedrale, die längst von den unteren Makropol-Bewohnern in einen lebhaften Handelsplatz verwandelt wurde, munitionieren wir auf, statten uns mit neuen Waffen aus und rüsten unsere supernützlichen Bionics auf. Aber eines nach dem anderen! Zuerst: Waffen. Natürlich steht uns im Warhammer-Universum eine große Bandbreite Wummen und Kugelschleudern zur Verfügung. Von eher klassischen Waffen wie Pistolen, Sturmgewehren und Schrotflinten begegnen uns aber auch bekannte Franchise-Schießeisen wie dem Bolter, Laserknarren oder Plasmawerfer. Ihr braucht mehr Feuerkraft? Sollt ihr haben! Rückt den Horden an Gegnern mit Gravitationskanonen, Granatwerfer oder dem allseits beliebten schweren Bolter zu Leibe. Wo ihr hinlangt, wächst kein Gras mehr (als ob in Necromunda noch etwas wachsen würde). Damit nicht jede Waffe gleich schießt, können wir beim Untergrund-Techpriesters unseres Vertrauens unseren ganz eigenen Touch aufrüsten: Fast alle Waffen haben verschiedene Munitionstypen, Visiere, Fokuslinsen (für Laserwaffen), Griffe, Mündungen... All diese Teile variieren die Waffen in acht Werten, darunter Schaden, Genauigkeit, Schussgeschwindigkeit und weitere. Eine Waffe ist aber immer nur so gut wie die Hand, die sie führt (ehrlich, der Spruch könnte direkt aus einem Warhammer-Regelbuch kommen). Also verwandeln wir uns mit genügend Credits in den perfekten Waffenträger, a bounty hunter to surpass metal gear! Zu verdanken haben wir das unseren Bionics und einem eher zwielichtigen Underground-Doc. Dadurch gewinnen wir mehr Leben, erhöhren unsere Ausweichrate, bekommen mehr Schildladung für unsere Feuergefechte oder bekommen Offensivfertigkeiten wie explosive Teleportation. Nebenbei upgraden wir dann noch unsere Rüstung und Accessoires mit Loot, den wir Gegnern abnehmen. Außerdem verbessern wir auch unseren Enterhaken, mit dem wir uns rasch durch Level schwingen, Gegnern Schilde aus der Hand reißen oder Attacken ausweichen. Denn Necromunda ist weniger ein E.Y.E., sondern zuweilen mehr ein Doom! Man erwartet die ganze Zeit, dass wir in Bewegung sind, um nicht zu viele Kugeln unserer Feinde zu kassieren. Wenn uns die richtige Waffe trifft, landen wir auch ziemlich schnell auf dem dreckigen Boden der Makropole. Wir rasen, springen und schwingen also durch die Gegend, während wir den Abzug durchgedrückt halten. Damit wir nicht in die Verlegenheit kommen, zu langsam zu werden, können wir auch wallrunnen und werden dabei sogar noch mit größerer Genauigkeit – mechanischen Robo-Armen sei Dank – belohnt. Erwischt es uns dann doch mal (weil wir zu langsam mit unserem Medipack waren), können wir, wenn wir ein Stimm im Inventar haben, einfach wieder aufstehen. Sonst wartet einer der Autosave-Servoschädel auf uns, die die Level in regelmäßigen Abständen zieren. Und bevor wir ihn vergessen: Unser Cyber-Mastiff. Der (oder die?) ist kein ständiger Begleiter, sondern einmal mehr, mal weniger smartes Summon. Per Quietsch-Spielzeug beschwören wir den Hund aus dem Nichts. Der bleibt dann eine Zeit lang an unserer Seite, attackiert entweder auf Befehl oder auf Annäherung und kann Gegner mal eben Onehitten. Und der Doc kann auch ihn upgraden, wenn auch nicht so umfassend, wie uns!
Heiße Gefechte, leere Gänge
Okay, es geht in den Makropolgängen also um Kugeln und Überleben. Gut, dass wir ziemlich gekonnt mit beidem umgehen können. Und dabei hilft uns auch das Spiel selbst recht gut! Denn mit dem Enterhaken, Dashes und Slides sind wir wirklich fix, sind mal dort, sind mal hier! Das Fortbewegen durch die Level fühlt sich sauber an und geht schnell von der Hand. Dazu kommt eine deutsche Textausgabe und sogar eine Synchronisation! Hätte ich tatsächlich nicht erwartet für ein Spiel mit starken Indieflair, trotzdem bin ich positiv überrascht. Obwohl ich die englische Sprachausgabe besser finde, machen die deutschen Sprecher einen soliden Job. Nur in den Untertiteln und Texten schleichen sich gelegentlich Schreibfehler und unverändert-englische Texte ein. Allerdings warten auf der technischen Seite ein paar große Mängel. Für mich die seltsamsten: Die Visiere auf Waffen. Denn die sind teilweise schlicht falsch. Dann bemerken wir, dass unsere Schüssel viel höher oder niedriger treffen, als wir zielen, da unser Visier einfach eine falsche Optik liefert. Wir können uns zwar auf unsere Ziellaser verlassen, trotzdem sind nicht-funktionierende Zielfernrohre einfach ein Fehler. Dazu kommt ein Problem mit der Atmosphäre. Zwar schafft es das Missionshub den dreckigen, niedrigen Lebensstandard auf imperialen Welten in der Warhammer-Welt zu zeigen – in den Leveln selbst gibt es dann aber nur Gegner und uns. Keine Zivilisten, die in den zuteil riesigen Leveln leben oder vor den Feuergefechten fliehen, keine Behausungen in den tropfenden, ständig zu wartenden Tunneln... Obwohl es doch darum geht! Im Schatten der Makropole leben Millionen und Milliarden Menschen, zu sehen bekommen wir sie aber nicht. Das nimmt dem Ganzen eine Menge Feeling. Und wisst ihr, was noch? Das Inventarsystem und die Menüführung. Auch wenn euch das Spiel, das nur selten sagt, haltet die rechte Maustaste bereit. Ihr werdet viele Klicks brauchen, bevor es los geht. Übrigens, ein Grund, warum die Level teilweise so groß sind, ist das Backtracking. Haben wir in der Kampagne ein neues Level (und damit eine neue Umgebung) freigeschaltet, tauchen auch Nebenmissionen auf, die in der Umgebung spielen. Dann haben wir auf einem kleinen Areal der Umgebung spezielle Ziele – töte Anführer, verteidige ein Gebiet, solche Sachen. Dabei geht es uns eigentlich nur darum, unsere Kasse aufzufüllen, um stärker für die Hauptmissionen zu werden. Grinden müssen wir nicht, aber die gelegentliche Nebenmission hilft enorm. Trotzdem lässt sich drüber streiten, wie cool ein Aufwärmen der Level ist. Grafisch spielt Necromunda dabei vielleicht nicht in den höchsten Himmeln mit, setzt dafür aber auf einen düsteren, unsauberen Look der zur Thematik passt... Nur gibt es viel zu viele Leichten, selbst für Warhammer. Hätte ich nicht gedacht, dass ich das mal schreiben würde, aber sie sind überall! Die Waffen sind der Hingucker. Ein schwerer Bolter nimmt mal eben ein Viertel unseres Bildschirms ein, andere Waffen donnern mit dem Zorn des Imperators! Die Cutscenes sind aber bestenfalls hakelig, schlimmstenfalls verwirrend. Einmal habe ich einfach eine Cutscene übersprungen, weil ich den Endgegener von weitem zerlasert habe. Take that, Erzählreihenfolge.

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