"Frische" Luft

Elf Millionen Menschen lebten hier. Jetzt ist es eine Geisterstadt... Wo? Na, Moskau natürlich. Kurz bevor der atomare Krieg ausbrach konnten sich ein paar (un)glückliche Seelen in die unterirdische Metro und deren bunkerhafte Stationen retten. Nur um ein Schattendasein in der Dunkelheit zu führen. Vorhang auf für eine Buchreihe und eine Spieleserie, die nun mit Metro Exodus in die dritte Runde geht. Was Russland nach Mutanten, Nazis und Strahlung noch alles für uns bereithält? Wie sich zeigt eine ganze Menge.
Was ein Stalker eben so macht
Zweimal schon schlüpften wir in die Haut von Artjom und ebenso oft drangen wir in Metrotunnel vor, die kaum ein Untergrundbewohner vor uns gesehen hat. Immer wieder trafen wir dabei wichtige Entscheidungen, die den Charakter der Metro formten. Machen wir also einfach genau damit weiter? Darauf können wir mit einem herzhaften „Jein“ antworten! Wer auch nur einen einzigen Trailer vor dem Release gesehen hat (oder auch nur den Namen Exodus wörtlich nimmt) weiß bereits, dass wir dieses Mal in die andere Richtung gehen: Die Oberfläche! Denn nachdem die Metro halbwegs sicher wirkt, folgt Artjom seinem Traum. Ein Leben ohne Betondecken, ohne mörderische, fleischfressende Monster, ein Leben an der frischen Luft! Wäre da nicht die allgegenwärtige Strahlung und die Ungewissheit, ob abseits von Moskau überhaupt noch Menschen leben. Ist alles Leben ausgelöscht? Wie wir in den ersten Spielstunden herausfinden, nein. Es gibt da draußen Menschen. Wie wir das herausfinden, das lassen wir euch selbst entdecken. Aber schon jetzt ist klar, dass wir die Metro mit Stil verlassen. An Bord unseres eigenen Zuges, der über die Schienen Russlands fegt, die schon so, so lange keinen Zug mehr tragen mussten. Nach zwanzig Jahren in den Tunneln der Metro ist selbst eine simple Zugfahrt aufregend! Ab diesem Punkt liegt eine lange Reise vor uns, um unseren ganz eigenen Platz zum Leben zu finden. Wir gehen nicht alleine auf diese Reise. Neben Artjoms Frau, Anna, sind auch noch Mitglieder der paramilitärischen Gruppe des Ordens an unserer Seite. An dieser Stelle müssen wir diese Gruppe loben. Egal wo wir halten, egal was passiert, jeder von ihnen hat etwas dazu zu sagen. All unsere Weggefährten haben Charakter und wenn wir gerade mal eine Minute über haben, können wir uns einfach mal in unserer Basis zurücklehnen. Unsere Gefährten-NPCs unterhalten sich untereinander, tauschen Erinnerungen aus, reden über Ideen und reflektieren die Lage, in der sie sind. Immer wieder, abseits der Action, haben wir einfach Momente, in denen wir mit unseren Freunden eine Verbindung aufbauen. Das sorgt dafür, dass sich unser Abenteuer mehr wie ein militärischer Roadtrip anfühlt, statt einem „Rette uns alle, Artjom!“-Abenteuer.
Unser Testvideo zu Metro Exodus


Artjom der Zerstörer?
In Sachen Gameplay ha sich einiges getan. Für die Fans von schnellen Schussgefechten, hier direkt eine Entwarnung. Wir pflegen immer noch unsere Waffen und lösen die meisten unserer Probleme mit einer Kugel... oder... Ziemlich vielen Kugeln. Wobei, wenn wir gerade schon beim Thema Waffen sind, reden wir fix darüber. Wir sind bewaffnet. Unsere Gegner sind bewaffnet. Der Unterschied ist die Qualität unserer Ausrüstung! Von Visieren über Läufe, wir können eine Menge an unseren Waffen modifizieren, vorausgesetzt, wir finden die nötigen Teile an den Waffen unserer Feinde. Das dürfte auch kein Problem sein, denn, seien wir ehrlich, die KI ist eher... Schwach. Unsere Gegner gehen in Deckung, während ihr halber Körper noch rausschaut, und lehnen sich nur für den gelegentlichen Schuss raus. Gerade wenn wir unsere Waffen genau so modifiziert haben, wie es unser Spielstil verlangt, sind wir ein Todesbote für alle, die gegen unseren Zugausflug stehen! Außerdem können wir auch schleichen, Gegner im Stillen erlegen oder ganze Begegnungen ohne einen einzigen Toten lösen. Wir müssen eben nicht der wahnsinnige, postapokalyptische Mörder sein, außer wir wollen es die ganze Zeit. Ganz ohne Schießerei klappt es trotzdem nicht. Was Metro-Fans vor allem gespalten hat, ist das neue Leveldesign. Dank unseres Zuges besuchen wir verschiedene Gebiete im postapokalyptischen Russland. Verschneite Städte, grüne Wälder, brennende Wüsten – reichlich Abwechslung. Aber nicht alle Gebiete absolvieren wir im gewohnten Schlauch-Gameplay. Stattdessen nutzen die Entwickler eine, naja, Semi-Open World. Oder Open-Schlauch? Immer wieder kommen wir in offenen Gebieten an und bekommen eine Aufgabe. Kümmern wir uns direkt um diese Aufgabe? Wer weiß! Denn abseits des Weges gibt es stets Dinge, die wir entdecken können! Vielleicht finden wir coole Waffenmodifikationen, neue Ausrüstung oder einfach ein paar Craftingmaterialien. Das Craftingsystem ist übrigens angenehm einfach gehalten. Schrott und chemische Stoffe. Nur zwei Materialien! Aus denen bauen wir eigene Medikits, Wurfgeschosse und frische Munition. Wenn die Welt hinüber ist, muss man eben recyclen. Besser spät als nie.
Let my small bugs go
Es ist irgendwie ungewohnt zu verkünden, dass Metro Exodus eine deutsche Synchronisation hat. So viele Spiele in letzter Zeit, mit ausschließlich englischen Synchros... Also, was können wir sagen? Die deutsche Vertonung hat wirklich gute Stellen, manchmal wirken ein paar der Sprecher eher gelangweilt. Sie ist eben solide. Viele Fans werden ohnehin auf Russisch spielen, samt deutschen Untertiteln, und das funktioniert. Yay dafür! Was auf uns befremdlich wirkt, ist aber das Schweigen Artjoms. In Ladebildschirmen fasst Artjom für uns die Geschehnisse des Spiels zusammen. Im Spiel selbst bleibt er komplett stumm. Selbst wenn er angesprochen wird, selbst wenn man ihm Fragen stellt! Das verwandelt viele Dialoge in absurde, einseitige Monologe. Artjom hat eine Stimme, er nutzt sie nur nicht. Wir verstehen das Konzept des stummen Protagonisten und es funktionierte als Artjom relativ unwichtig war, aber jetzt verlassen sich andere Menschen auf uns und unsere Weisung. Dafür ist die Welt an und für sich absolut gelungen! Klar, viele Stimmen wurden laut, dass sich die Reihe durch die klaustrophobischen Gänge der Metro auszeichnet. Exodus zeigt uns allerdings, dass auch die offene Welt ihre Reize hat. Wir begegnen Figuren mit völlig anderem Hintergrund, neuen Kulturen und erfahren weit mehr über die Welt, als wir in den Tunneln je hätten lernen können! Das sorgt für eine großartige Atmosphäre, gepaart mit den angenehmen Dialogen zwischen NPCs. Wir sind eben nicht der totale Mittelpunkt der Welt. Wir sind wichtig, klar, aber nicht der Punkt, um den sich alles dreht. Trotzdem bleibt die schwache KI, die viele Feuergefechte zu einem bloßen Wait'n'Shoot machen. Außerdem hatten wir ein paar Abstürze, seltsamerweise genau dann, wenn wir durch das Scharschützenzielfernrohr schauen wollten. Inzwischen wurde das zwar rausgepatcht, aber anfangs stürzte Metro Exodus auch regelmäßig ab, wenn NVidia uns fragte, ob wir unsere besten Spielmomente festhalten wollen. Die Welt ist zwar stellenweise sehr offen, was angenehm ist, aber man sollte trotzdem nicht denken, dass wir hier ein Open World Game spielen. Es sind Level, die sehr groß sein können, aber trotzdem ein Anfang und ein Ende haben. Apropos Ende. Durch verschiedene Schwierigkeitsgrade arbeiten wir schlussendlich auf zwei Enden hin. Ein positives und ein negatives. Zu welchem Finale wir gelangen, wird durch Entscheidungen im Laufe des Spiels entschieden. Töten wir den Feind, der sich ergeben hat? Teilen wir den Tod aus wie Süßigkeiten zu Halloween? Sind wir in den Augen der Entwickler gute Menschen? Und genau das ist das Problem. Die Entwickler entscheiden, was gute Entscheidungen sind. Ohne euch zu spoilern – wir haben ein paar Entscheidungen getroffen, die die Entwickler scheinbar nicht so gut fanden. Wir erlebten das schlechte Ende.

Kommentar schreiben