Schöne öde Welt

Hat das B-Team auch ein Theme?
Denn leider fühlt sich Valhalla nicht so an, als hätte Ubisoft die A-Mannschaft auflaufen lassen. Klar, man hat die vergleichbaren Stärken, die auch die letzten Assassin Creed-Titel ausmachte – eine offene Spielwelt, viele Nebenquests und die gelegentliche Nebenbeschäftigung. Und ja, es gibt auch wieder eine deutsche, durchaus gelungene Sprachausgabe. Aber Haken wir an diesem Punkt mal direkt die Rahmenhandlung ab – ich bin mir bis heute nicht sicher, ob irgendjemand außerhalb von Ubisoft überhaupt noch Interesse an der ganzen Animus-Sache hat. Aber was unterscheidet Valhalla von, sagen wir, Odyssey? Abgesehen vom Setting nicht wirklich viel, außer, dass unser maritimes Gefährt weniger Gewicht hat. Man möchte meinen, dass Wikingern ihr Langschiff wichtig ist, aber eigentlich ist unser Schiff nur ein Transportmittel zu Wasser, dort, wo unser Pferd machtlos ist. Wir brauchen es nichtmal, um einen Raubzug zu starten! Wir können einfach zum Plünderort reiten und dort per Knopfdruck unsere Wikinger dazuholen. Valhalla wird in so vielen Aspekten zurückgehalten, die dafür gesorgt hätten, dass es nicht einfach nur Assassins Creed: Origins 3 ist. Es hätte sein eigenes Spiel sein können, mit etwas mehr Liebe! Sprechen wir alleine Mal über die Bugs. Beispielsweise kann man in der eigenen Siedlung eine Quest finden, für die man dem Questgeber einen kurzen Weg folgen muss, ehe er auf ein kleines Boot steigt und uns über den Fluss übersetzt. Um diese Quest abzuschließen musste ich das Spiel dreimal neu laden. Beim ersten Versuch ist der NPC auf das Boot gegangen, aber nicht losgefahren. Neu geladen. Beim zweiten Mal ist er gar nicht erst von seinem Platz aus losgelaufen. Neu geladen. Das dritte Mal stand er nur vor dem Boot. Neu geladen. Als wir das vierte Mal ans Wasser kamen, war da gar nicht erst das Boot zu sehen und ich wollte mich bereits frustriert abwenden, als der NPC einfach in das Wasser ging und seine vorprogrammierte Route hinüberschwamm. Die begleitende Unterhaltung drehte sich um die Bootsfahrt, die aber gar nicht stattfand. Eine andere Quest platzierte mein Questziel außerhalb der Questbegrenzung, sodass ich das Ziel gar nicht erst erreichen konnte. Dafür war dann direkt ein Neustart erforderlich. Das sind nur zwei Beispiele von Schwierigkeiten, die uns immer wieder bei Quests untergekommen sind. Auch einige der Gamedesign-Entscheidungen kommen uns halbbacken bis irritierend vor. Während einer der Burgschlachten, während der Kampf in der letzten Etappe tobte, begannen wir einfach schonmal ein paar Truhen zu looten, als uns der böse Ober-Hauptquest-NPC in den Rücken stach. Nicht unser Bruder Sigurd, der die ganze Zeit auf ihn einhackte, war sein Ziel, auch nicht unser Verbündeter, sein absoluter Erzfeind, der seinen Thron wollte, sondern wir. Nur um uns anzugreifen ist er über den ganzen Hof gerannt und hat sich halbtot schlagen lassen währenddessen. Haben wir unser Langschiff in einem Hafen liegen, warten unsere rudernden Wikinger nicht die ganze Zeit auf der Ruderbank auf uns, absolut verständlich. Übernehmen wir dann aber das Kommando über das Schiff, versuchen die Entwickler mit einem ungeschickten Kameracut uns zu verheimlichen, wie unsere Anhänger auf das Boot kommen: Sie werden links und rechts der Reling gespawnt, fallen ins Wasser, klettern schnell an Bord und setzen sich, hoffentlich schneller, als wir den Kameracut aushebeln können. Viele dieser Dinge wären verzeihbar, würden sie sich nicht einfach in eine Reihe ähnlicher Probleme einfügen. Gerade Animationen haben echte Schwierigkeiten in Valhalla, mit häufigen Glitches bei Mensch und Tier. Ich könnte jetzt noch mehr herummäkeln, aber eigentlich will ich für den Moment nur noch auf eine Sache zu sprechen kommen, und die ist sehr geschmäcklich: Ich kann den Protagonisten nicht leiden. Der letzte Assassins Creed-Protagonisten, den ich nicht ausstehen konnte, war Ezio, und der ist schon eine Weile her. Aber Eivor, egal ob männlich oder weiblich, ist so... Pseudo-perfekt. Ja, alle Assassins Creed-Protagonisten sind supergut in allem, klar. Aber Eivor ist der erste Protagonist, bei dem ich wirklich das Gefühl habe, dass man es mir immer auf die Nase binden muss. Immer ein weiser Spruch auf den Lippen, der beste Poet, der beste Krieger. Eivor ist so perfekt, dass sich die Momente, in denen er storybedingt unbeherrscht wirken muss, richtig fehl am Platze anfühlen. Und warum ist eigentlich der einzige Wikinger dieser Welt, der Ärger bekommt, wenn er bei einem blutrünstigen Angriff auf ein Kloster einen Mönch erwischt?
Next-Gen-Check (Xbox Series X): Der neuste AC-Ableger profitiert massiv von der hohen Leistung der neuen Microsoft Konsole. Valhalla läuft zu jedem Zeitpunkt mit 60 Bildern pro Sekunde bei einer nativen 4K-Auflösung. Darüber hinaus sind die Ladezeiten sehr kurz. Grafisch ist der Konsolenableger auf dem Niveau eines High-End Gaming-PCs. Und: Es gibt ein kostenloses Upgrade auf die Xbox Series X|S, wenn man per Smart Delivery eine Xbox One-Version gekauft hat.


P.S.: Vielleicht geht es nur mir so, aber der Optionspunkt „Aktiviere oder deaktiviere die Darstellung von Nacktheit im Spiel, zum Beispiel barbusige weibliche Charaktere“ lässt mich irgendwo drüber nachdenken, was gerade insgesamt in Videospielen schräg läuft.
Assassin's Creed Valhalla erscheint am 10. November 2020 für Windows-PC, Xbox One, Xbox Series X|S, PlayStation 4 und Google Stadia (ab 49,95 Euro). Ab dem 12. November 2020 gibt es eine herunterladbare Fassung für die PlayStation 5, die in Europa am 19. November 2020 auf den Markt kommt.

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