Gratis und Gut?

Hier treffen sie aufeinander: Große Armeen und noch größere Helden, vor den Toren der uneinnehmbaren Stadt. Ihr wollt wissen, wie einflussreich der trojanische Krieg und seine rund neuntausend Jahre alte Dichtung noch heute ist? Ubisoft hat ein Assassins Creed-Game und Nintendo eines von Marios Abenteuern nach einem der wichtigen Köpfe der Dichtung benannt (jaja, ich weiß, Odysseus hat seine eigene Dichtung)! Creative Assembly geht den Stoff mit Total War Saga: Troy etwas direkter an. Ich hoffe, ihr habt heute Speere zur Hand. Wir segeln über die Ägäis!
Hektor! HEKTOR!
Wenn der trojanische Krieg euer gesamtes bisheriges Leben an euch vorbei gegangen ist, bin ich mir wirklich unsicher, wie das passieren konnte. Wir reden hier über eines der bekanntesten Epen der Welt! Aber gut, okay, ich gebe euch die Kurzfassung: Paris, Sohn aus der trojanischen Königsfamilie, verliebt sich bei einem Besuch nach Griechenland Hals über Kopf in Helena, die (vermutlich, angeblich, womöglich) schönste Frau der Welt. Kurzerhand segelt er also mit ihr zurück über die Ägäis ins heimatliche Troja, dessen Mauer übrigens von niemand geringeren als Poseidon gebaut wurden – ihr wisst schon, diesen Typen, den ihr in God of War damals getötet habt! Einziger Haken an dieser Liebesgeschichte: Helena hatte bereits einen Mann! Menelaos, König von Sparta. Und nein... Leonidas kommt erst lange, lange Zeit später. Eine Sache führte zur anderen und bevor man sich versah war die gesamte griechische Welt auf dem Weg nach Troja, nur um Helena zurückzuholen (oder einfach nur um Troja zu vernichten, wen auch immer man fragte). Tausende Soldaten stehen sich gegenüber, immer mal wieder mischen die Götter mit der ein oder anderen Intervention mit und retten ihre Lieblinge und trotzdem warten alle nur auf einen einzigen Moment: Wenn sich Hektor, Bruder von Paris und größer Krieger von Troja, und Achilleus, Hobby-Schlächter und größter Krieger der Welt, gegenüberstehen. In Homers Dichtung geht die ganze Sache eigentlich für kaum jemanden gut aus. Creative Assembly gibt uns aber die Chance, ein wenig selbst dazuzudichten.
Total wie immer?
Wir sind in dieser Welt an einem Punkt angekommen, an dem wir das Grundprinzip von Total War-Spielen nicht schon wieder beschreiben müssen. Lest stattdessen wie es die Chinesen, Briten, Ratten-Elfen-Echsenmenschen oder die Hunnen tun. Denn daran hat sich nichs geändert – Städte werden erobert und ausgebaut, Provinzen vereint und Armeen durch die Welt bewegt. Wieder agieren besondere Figuren wie Spione und Diplomaten nur als Agenten auf der Weltkarte, die uns Boni für Streitkräfte und Städte bieten oder Gegner schwächen.
Aber auch in Griechenland haben wir eine Prise Mystik! Neben legendären Helden verzichtet man aber auf das Übernatürliche. Trotzdem rekrutieren wir Harpyien! Allerdings sind das amazonengleiche Speerwerferinnen. Oder Zyklopen! Das sind hier eben barbarisch-große Keulenschwinger, die einen Tierschädel als Helm tragen. Auch unser Freund, das hölzerne Pferd, hat einen Auftritt – war ja klar, nicht?
Ausrüstung für unsere mutigen Recken ist ebenfalls wieder mit von der Partie. Dazu kommt ein zweiseitiger Skill“baum“ für jeden Helden, der ihm Boni und Skills in der Schlacht verleiht. Eine neue Wut-Anzeige füllt sich, wenn euer Armeeanführer im Kampf steckt und steht als Ressource zur Anwendung der Fähigkeiten bereit. Dauert der Kampf dann nur lang genug, können wir auf temporären göttlichen Beistand hoffen, der uns dabei hilft, dem Gegner schlussendlich den Garaus zu machen.Apropos Götter: Wir errichten Tempel in Städten, opfern Stiere und beten verschiedene Götter an, um deren Boni zu erhalten. Drei Verehrungsstufen kann jeder Gott erklimmen und gewährt uns dafür Vorteile – Ares beispielsweise stärkt unsere Armeen! Trotzdem ist Troy ein Saga-Spiel. Hier probiert Creative Assembly Ideen aus und entschlackt dementsprechend ein wenig das Spiel. Wir haben überschaubare Forschungs-Felder und insgesamt acht Fraktionen – vier auf griechischer Seite, vier auf trojanischer Seite. Cool ist, dass jede Fraktion eigene Mechaniken und Ziele verfolgt! Odysseus hat einen Fokus auf Spione und kann einzigartige, verdeckte Gebäude bauen, während Paris Boni bekommt, wenn er mit seiner Helena in der gleichen Provinz steht. Außerdem liefern sich die trojanischen Brüder einen hitzigen Wettkampf um die Liebe ihres Vaters. Es geht um nicht weniger als den trojanischen Thron!
Lasst mich euch berichten...
… von einem entschlackten Total War, das zu Release sogar für einen Tag gratis im Epic Game Store erhältlich war. Die meisten von euch werden davon gehört haben: Wer es in den ersten 24 Stunden nach Release für absolut kein Geld geclaimt hat, darf es einfach behalten. Wer zu spät zu der Party kam, muss nun 50 Euro löhnen. Aber was bringt Troy eigentlich mit an den Tisch? Zunächst einmal eine erneut wirklich gelungene Optik. Die Schlachtkarten sind hübsch gestaltet, die Weltkarte wirkt lebending und stimmig. Auch das Getümmel unserer Einheiten macht gewohnt einiges her und glänzt mit Details, wie den Pfeilschäftne, die sich nach Beschuss in den Schilden unserer Krieger sammeln. Der wirkliche Glanzpunkt liegt aber natürlich auf den Helden, die Armeen anführen. Treffen diese aufeinander, haben die wirklich eine kleine Choreografie auf Lager, in der sich die Recken umkreisen, Schild auf Schild prallt und so mancher Heroe nur knapp dem tödlichen Stoß entkommt. Die englische Sprachausgabe – deutsch gibt es nur für den Berater – überzeugt durch gute Sprecher. Mein Highlight: Als plötzlicher einer der Soldaten, die ich ausschickte, um Achilleus anzugreifen, nur fassungslos dessen Namen rief. Wer will schon gegen eine metzelnde Legende kämpfen? Die Fraktionen sind gewohnt unterschiedlich und bieten mit unterschiedlichen Fraktionen jedem Spieler ein Zuhause. Dabei hat jeder unserer legendären Recken auch eine epische Questreihe, die er verfolgen kann. Dadurch können wir auch den Lauf des Epos umgestalten. Als vor uns, Hektor, der erste Grieche auf trojanischem Boden gebracht wird, müssen wir entscheiden, ob er leben darf oder sterben muss. Diese kleine Entscheidung hat Einfluss auf den Krieg.
Leider wird das System von Total War diesem epischen Rahmen in meinen Augen aber nicht wirklich gerecht. Die Einheitengrößen wirken zu überschaubar und jedes Gefecht mehr wie ein Scharmützel. Dazu kommt das, was ich die große Konsequenzenlosigkeit nenne. Wenn mein treuer Hektor auf dem Feld steht, Schläge mit dem großen Achilleus austauscht und ihn schlussendlich erschlägt, wäre das in der Dichtung ein riesen Ding! Hier ist der Held halt einfach nur ein paar Runden auf der Ersatzbank. Das muss aus Total War-Sicht so sein, bricht aber zuweilen die Stimmung. Dazu kommen einige Bugs und Ungereimtheiten. Einmal habe ich ein Dorf verteidigt, indem ich meine Soldaten so positioniert habe, dass die KI sie nach dem Gefechtsstart nicht direkt sehen konnte. Das Ergebnis: Der Gegner hat sich 60 Minuten lang nicht bewegt, weil er kein Ziel hatte (ich hab die Zeit beschleunigt und ja, das ist ein Exploit, aber ich MUSSTE einfach sehen, ob das klappt). Das Match ging unentschieden aus. Auf der Weltkarte können wir eine Armee nicht von Punkt A nach B befehlen, wenn Wasser dazwischen liegt. Stattdessen müssen wir die Armee zunächst auf das Wasser befehligen und dann nochmal auf das Land klicken. Dazu kommt die ein oder andere unsinnige Wegführung oder sogar Performance-Probleme, wenn wir für Agenten und Armeen lange Wege einstellen wollen. All das sind nur Beispiele, die in früheren Total War-Spielen nicht bestanden. Was Veteranen kennen, sind bizarr unfaire Trade-Deals, aber an die haben wir uns schon lange gewöhnt. Dazu kommen ein paar historische Ungereimtheiten, von denen ich gehört habe, aber... Sorry. Ich bin hier, um für euch Reviews zu schreiben, keine Hausarbeiten in Geschichte (diese Zeiten liegen inzwischen hinter mir).

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