Kindlicher Horror?

Auf der Gamescom 2019 habe ich zum ersten Mal erfahren, dass Tarsier Studios an einem zweiten Teil von Little Nightmares arbeitet. Ich war gespannt zu erfahren, was das Team uns in diesem neuen Teil für eine schaurige Geschichte präsentiert und ob ich genau die gleichen Gänsehaut-Momente wie im ersten Teil haben werden, als ich mit Six eine bedrückende, gefährliche Welt kennengelernt habe. Also stürzte ich mich mit Mono in das Erlebnis Little Nightmares 2!
Der Albtraum beginnt…
… in einem dunklen Wald. Ohne Informationen über das Wieso und Weshalb erwachen wir an diesem Ort. Wirklich viele Informationen werden wir aber sowieso nicht erhalten, da die Geschichte genau wie im ersten Teil wortlos erzählt wird. Aber Worte müssen bei Little Nightmares auch nicht unbedingt vorhanden sein, da sich das Spiel voll und ganz auf seine eindrucksvollen Bilder verlässt. In fast jeder Szene, die über unseren Bildschirm flackert, schwingt ein Gefühl des Unwohlseins und der Gefahr mit. Diese Gefahr erleben wie bereits erwähnt Mono, der neue Hauptcharakter, und Six, die Protagonistin aus dem ersten Teil. Gemeinsam erkunden sie diese dystopische, verzerrte Welt. In insgesamt fünf Kapiteln dürfen wir mit den beiden Rennen, Springen und Rätseln. Spielbar ist allerdings nur Mono, Six ist eine KI-Begleiterin, welche uns in einigen Situationen hilft. Wir erkunden aber nicht einfach nur einen Wald. Wir begeben uns im Laufe der Geschichte auch an andere Orte, wie eine Schule oder eine Psychiatrie/Krankenhaus für Puppen. Jeder Bereich hat einen ganz eigenen Flair und vor allem auch immer wieder neue Gegner zu bieten. Außerdem wartet jedes Gebiet mit neuen Mechaniken auf. Als Beispiel wäre hier der Nahkampf zu nennen. Dieser ist zwar nur rudimentär und nur an manchen Stellen möglich, fügt sich aber dennoch gut in die von Gefahren gespickte Welt ein - gerade deshalb, weil Mono Waffen nur langsam hinter sich her schleift und sichtbar seine ganze Kraft aufbringen muss. Die zentrale Mechanik in Little Nightmares 2 ist erneut das Laufen-und-Verstecken-Prinzip. Die Gegner sind nämlich allesamt flink und immer tödlich. Aber nicht nur die Gegner können einen über den Jordan schicken, denn die Spielwelt von Little Nightmares 2 ist ebenfalls tödlicher geworden. Ob es nun die Bärenfallen im hohen Gras oder die Dielen in der Schule sind, es gibt immer wieder Momente, in denen ich entspannt durch die dunklen Gänge schlurfte, nur um dann von einer Deckenlampe erschlagen zu werden. Da im Grunde alles tödlich ist, heißt es wie im ersten Teil aber: Versteck dich oder renn. Gerade, wenn wir in den letzten Atemzügen eines Kapitels liegen und uns die großen Monster an den Kragen wollen, wird das Nimm-die-Beine-in-die-Hand-und-lauf-endlich-Prinzip voll ausgenutzt.
Inszenierung Top
Wie eingangs bereits gesagt, lebt die Welt von ihrer Inszenierung und ihren Bildern, da eine wirkliche Geschichte nicht durch einen Erzähler oder Gespräche rübergebracht wird. Und das funktioniert wie auch schon im ersten Teil: Die gesamte Geschichte findet wie hinter einem Schleier gespielt statt. Sie bietet viel Raum für Interpretation und das ist in meinen Augen auch sehr gut, da sich der Spieler mehr auf das Gezeigte konzentriert, das sich übrigens absolut sehen lassen kann. Die Animationen von Mono und Six sind sehr geschmeidig und fühlen sich nicht hölzern an, die einzelnen Bereiche kommen mit viel Abwechslung daher und bieten auch Raum zum Erkunden. Das Gegner-Design unterscheidet sich ebenfalls von Kapitel zu Kapitel und reicht von beängstigend bis grotesk. Genauso stark und der Atmosphäre zuträglich ist das Spiel mit Licht und Schatten, mit denen Little Nightmares 2 Schauermomente entstehen lässt, von denen andere Spiele noch einiges lernen können. Mindestens auf dem gleichen Niveau spielt die audiotechnische Untermalung. Dunkle, beängstigende Töne werden perfekt inszeniert, um die ohnehin schon gruselige Grundstimmung nochmal besser zu untermalen. Selbst in den hektischen Flucht-Szenen kommt diese unterschwellige, beängstigende Musik exzellent zum Tragen und lässt uns den ernst der Lage sehr gut verstehen. Aber auch Little Nightmares 2 ist nicht perfekt.
Verschenktes Potenzial
Ja, es wurde leider ein bisschen Potenzial in Little Nightmares 2 verschenkt. Das Spiel setzt nämlich leider nicht auf komplexere Rätsel, in denen beide Charaktere involviert werden können, sondern meistens richtet sich Six an speziellen Punkten aus, um uns zum Beispiel aufzufangen, wenn wir über einen tödlichen Abgrund springen, oder um uns per Räuberleiter auf höher gelegene Ebenen zu befördern. Dann dürfen wir ein simples Rätsel lösen, um im Anschluss Six wieder an unserer Seite zu wissen. Ebenfalls habe ich vermisst, dass keine wirkliche Bindung zwischen Mono und Six entsteht. Der Umgang zwischen den beiden fühlt sich eher nach etwas an, was man als Zweckgemeinschaft ansehen könnte. Es wird hier die Chance auf eine emotionale Entwicklung verworfen. Ein bisschen ist das bereits Meckern auf hohem Niveau, trotzdem hätte das Spiel an dieser Stelle einiges besser machen können. Was Spielern ebenfalls übel aufstoßen kann, sind die teilweise krassen Trial&Error-Passagen. Gerade, wenn wir verfolgt werden, müssen Sprünge und Timing sitzen, sonst sind wir sehr schnell Monsterfraß. Als kleines Trostpflaster haben uns die Entwickler ab ein sehr faires Checkpoint-System mit auf den Weg gegeben.
Das größte Problem in Little Nightmares 2 ist für mich jedoch die Spielzeit. Diese ist in meinen Augen nämlich viel zu kurz! Ich hatte das Spiel in circa 4 ½ Stunden bereits beendet. Bis auf das alternative Ending und das Einsammeln aller Kopfbedeckungen (ein Hauch von Character Customization) bietet es hier auch leider kaum Wiederspielwert.
Das Adventure kostet 24,95 Euro und ist ab sofort für PC, Xbox One, PlayStation und Nintendo Switch erhältlich.

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