Gemeinsam statt einsam

Hazelight Studios haben vor etwas weniger als drei Jahren mit dem Spiel A Way Out ein sehr gutes Koop-Spiel entwickelt und von EA publishen lassen. Ein Spiel mit Spannung, Wendungen und der Besonderheit, dass man jeden Schritt des Partners auf der linken oder rechten Bildschirmhälfte sieht. Außerdem benötigte nur eine Person das Spiel und konnte dann dank des Friends Pass mit einem Kumpel zusammen die Geschichte von Vincent und Leo erleben. Im März kam dann ein wenig plötzlich der neue Koop Titel von Hazelight heraus und was die Entwickler mit It Takes Two da geschaffen haben, ist einfach auf einem ganz anderen Level.
Koop-Spiele können auch schön sein
Wir verfolgen in diesem Spiel aber nicht erneut zwei Gangster, welche sich aus dem Knast heraus kämpfen müssen, sondern gehen in eine komplett andere Richtung. Wir spielen in It Takes Two Cody und May. Die beiden sind verheiratet, haben eine gemeinsame Tochter und ein schönes Haus im Grünen. Von der Theorie her eine schöne Art zu leben, wäre da nicht das große Problem, dass die beiden sich im Laufe der Zeit voneinander entfremdet haben und im Grunde nur noch genervt voneinander sind. May arbeitet zu viel und Cody ist ein Hausmann, welcher die einfachsten Dinge auch mal vergisst. Was ist also die logische Konsequenz? Richtig! Eine Scheidung. Mittendrin ist ihre Tochter Rose, welche mit dieser harten Entscheidung konfrontiert wird und durch ihre Trauer und ihre Tränen Cody und May in Puppen verwandelt und sie auf eine unvergleichliche Reise durch ihr Haus im Grünen schickt. Unterstützt werden die auseinandergelebten zwei von einem sprechenden Buch Namens Dr. Hakim. Das soll jetzt erstmal die Grundprämisse aufzeigen. Aber It Takes Two ist spielerisch auf einem Niveau, das sich neue Spiele dieser Art unweigerlich mit einer extrem hohen Messlatte konfrontiert sehen. Das beginnt schon alleine bei den einzelnen Schauplätzen: Von einem Werkstattschuppen über eine Schneekugel bis hin zum Dachboden und dem Garten erkunden wir als Cody und May die unterschiedlichsten Bereiche unseres Heims. Diese sind mit einer derartig großen Liebe gestaltet, dass es einfach Pflicht war an manchen Stellen stehen zu bleiben und seiner Umgebung im Stillen zu huldigen, die Atmosphäre zu genießen und die niedliche Grafik in sich aufzusaugen. It Takes Two ist im Grunde ein klassischer 3D-Plattformer. Wir springen viel herum, rennen durch die Gegend und können uns fast schon klischeemäßig per Greifhaken über Abgründe schwingen. Aber das ist einfach nur die halbe Wahrheit! Denn von Abschnitt zu Abschnitt verändert sich viel mehr als nur unsere Ausrüstung in Form von Schutzschilden oder einem Streichholz-Granatwerfer. Spielerisches Potpourri
Hazelight hat sich nämlich gedacht, dass ein reiner Plattformer zu einfach sei und deswegen werden immer wieder Kniffe aus verschiedenen Gaming-Genres eingestreut. Mal verwandelt sich It Takes Two zu einem Rätselspiel, in welchem wir unsere Fähigkeiten präzise kombinieren müssen, dann zu einem Racing-Game oder zu einem guten alten Hack and Slay im Diablo-Stil. Hazelight lässt in der gesamten Spielzeit einfach keine Langeweile aufkommen. Aber auch die Welten, die wir bereisen, sind gespickt mit Interaktionsmöglichkeiten. Die einzelnen Areale sind meistens linear, bieten aber zwischendrin immer wieder genug Raum zum Erkunden und zum Staunen. Nehmen wir als Beispiel einfach die Welt, die wir in der Kuckucksuhr durchlaufen. Hier finden wir bei genauem Erkunden nicht einfach nur wunderschöne Details, sondern auch Minispiele in denen May und Cody gegeneinander antreten können. Oder ein Sprungrätsel, welches uns zúr Belohnung Feuerwerk abschießen lässt. Oder noch mehr Minigames, die wir gegeneinander spielen können. Sei es nun eine Art Rennen oder ein Pferderennen. Die Auswahl an Minispielen alleine kann schon zu einem absoluten Zeitfresser werden. Die Entwickler raten, It Takes Two am besten mit guten Freunden zu erleben, schließlich gibt es auch keinen Solo-Modus. Stattdessen kann nur im Lokalen oder Online-Multiplayer gezockt werden. Die Geschichte würde von einem Solo-Modus aber auch nicht profitieren und ordentlich an Atmosphäre einbüßen. Alles in allem ist It Takes Two an manchen Stellen fordernd, aber nie frustrierend. Da es kein Ping-System gibt, wie zum Beispiel in Portal, ist es Pflicht, während der Aufgaben zu kommunizieren, den anderen Bildschirm im Blick zu haben und miteinander seine Aktionen abzustimmen. Besonders auffällig wird dies bei den immer wieder aufkommenden Bosskämpfen. Ja, richtig. Bosskämpfe. Diese sind keine 08/15 Ich-wäre-gerne-so-ein-richtiger-Boss-Bossfight, sondern es sind extrem klug durchdachte, spannende und fordernde Gegner. Das beste Beispiel hierfür wäre der zweite Boss. Ein extrem wütender Werkzeugkasten, den May einfach vergessen hat und der inzwischen verrostet ist, will uns ans Leder. Der gesamte Bosskampf findet auf einer kleinen Holzplattform statt. Diese wird vom Boss zersägt, durchgefräst und mit Nägeln befeuert. Wir müssen, um überhaupt eine Chance zu haben, Codys und Mays Kräfte kombinieren und den grimmigen Werkzeugkasten mit Nägeln und Hammer besiegen. Sollte dabei einer der Spieler hops gehen, ist das Spiel aber nicht vorbei. Solange einer noch lebt kann man sich durch schnelles Hämmern der Y-Taste wiederbeleben. Sollten beide Protagonisten den Tod finden, sind die Checkpoints aber extrem fair gesetzt.
Die Technik spielt auch mit
Das gesamte Spiel ist aber nicht nur wegen des Umfangs, der Detailverliebheit der Areale oder den ganzen Minigames so gut. Es spielt nämlich auch die Technik mit: Die einzelnen Bereiche sind extrem liebevoll gestaltet und strotzen vor Details, das Design der Charaktere, die wir auf unserer Reise treffen, fällt von ernst bis wahnsinnig witzig aus und auch die Animationen unserer Charaktere sind butterweich. Ob laufen, springen oder rutschen, es fühlte sich alles extrem smooth an. Auch die FPS, in meinem Fall am PC, waren den Großteil des Spiels konstant. Größere Areale brachten hin und wieder die FPS leicht zum fallen,das fing sich aber rasch wieder. Und der Netcode ist ohne Fehl und Tadel. In den circa 12 bis 13 Stunden Spielzeit hatten wir keine Verbindungsabbrüche oder Lags. Nicht nur die visuelle Komponente ist stark, auch audiotechnisch hat Hazelight hier einiges auf die Beine gestellt. Der Soundtrack reicht von entspannt hin zum Atmosphärischen und wartet auch mit dramatischen Passagen auf. Jeder Track, der im Laufe der Zeit gespielt wurde, passte in meinen Augen perfekt zur jeweiligen Situation, ebenso wie die kleinen Sound-Details. Da ich die Kuckucksuhr ja schon angesprochen habe, nehmen wir auch diese wieder als Beispiel: Hier hört man nämlich im Hintergrund das Ticken. Leise, aber doch wahrnehmbar. Der bombastische Part im Sounddesign ist aber wohl mit Abstand der Abschluss des Spiels. Trotzdem ist auch It Takes Two ist nicht ganz frei von Fehlern. Nur mit einem Controller lässt sich die nötige Präzision erreichen. Die Vertonung ist leider nur auf Englisch, wobei die Sprecher einen hervorragenden Job machen und unser Begleiter Dr. Hakim ist an manchen Stellen leider eher nervig als lustig.
Alles in allem ist It Takes Two aber ein wunderbares Spiel, welches ich einfach JEDEM ans Herz legen kann, der auch nur ansatzweise Lust auf entspannte Tage mit einem Freund oder Freundin hat.

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