Street oder Gras?

Nach eFootball PES 2020 hat jetzt auch EA mit FIFA 20 seinen neuesten Teil der beliebten Fußball-Serie veröffentlicht und es steht wieder die Frage im Raum: Was ist die bessere Fussball-Simulation im Jahre 2019? Nachdem beide Teile letztes Jahr stagnierten, will FIFA dieses Jahr mit dem neuen Volta-Modus angreifen.
Ist Volta die Erlösung?
FIFA Street! Ich liebe FIFA Street. Genau deshalb war ich so begeistert, als EA den Volta-Modus ankündigte. Streetsoccer in einer schicken Grafik mit netten und stylischen Moves. Wahlweise 3 versus 3 oder 5 versus 5, entweder mit Banden, um die Bälle mit Style zu verteilen, oder ohne Banden. Volta spielt sich im Gegensatz zu den regulären Modi sehr schnell. Tore fallen häufiger und es hat eine sehr hohe Dynamik. Aber trotzdem überzeugt mich Volta nach längerem Spielen nicht wirklich. Es hat, wie bereits erwähnt, einen interessanten Ansatz, wird aber durch eine überschwängliche Verwendung von Pseudo-Coolness und einer Story, die nicht im Ansatz an die Qualität der “The Journey”-Geschichte rund um Alex Hunter herankommt, wieder schnell auf den qualitativen Boden der Tatsachen zurückgeholt. Wer freischaltbare Sachen mag, der hat immerhin mit den vielen verschiedenen Klamotten einige Zeit vor sich, ehe er der Fashion-Gott der Volta-Welt ist. Ansonsten wirkt das ganze eher wie einer dieser schlechten B-Movies, ala Uncle Drew oder Crossover. Warum ich hier Basketball-Filme nenne? Weil Spike Lee damals für NBA 2K eine Kampagne entworfen hat, welche auch mit schlechten Dialogen und vorhersehbaren Twists versehen war. (An dieser Stelle hat Lars gelolt) Auf NBA 2K kommen wir später nochmal zu sprechen. Wir besuchen auf unserer Reise Ziele rund um den Globus. In den unterschiedlichen Turnieren treffen wir auf andere Teams und können so auch neue Mitspieler für unsere Mannschaft gewinnen. Während der Spiele werden wir für gute Leistungen wie Tacklings, Vorstöße oder Pässe mit einer Gesamtnote belohnt. Auch hier wird sich an dem schon bekannten Karriere-Modus orientiert. Aber immerhin wird mir im Volta-Modus nicht gesagt: Investiere jetzt Echtgeld, um deinen Charakter zu pushen und der beste Streetsoccer-Player zu werden. Wir können unseren Charakter nämlich in drei Bereichen verbessern: Offensive, Defensive, Athletik. Dies ist auch notwendig, da wir nur die Grundfähigkeiten beherrschen und wir so natürlich keine Chance bei der Weltmeisterschaft in Brasilien haben.
Ich gehe jetzt übrigens zurück an meine PS2, um das einzig wahre FIFA Street zu zocken.
Probleme in der Karriere
Das Spielgefühl im Karriere-Modus ist ansich arcadelastiger und fördert häufiger spektakuläre Momente zu Tage, da die Offensive verstärkt wurde. Die Kehrseite ist nur leider, dass kein wirklich gutes Balancing gefunden wurde und die Defensive nun sehr schwach wirkt. Es passiert teilweise, dass ich gegen die CPU auf Profi-Schwierigkeitsgrad gar keinen Zugriff bekomme, da das automatische Stellungsspiel und 1 gegen 1 nur bedingt funktioniert. Das System, in welchem der Ball reagiert, ist auch nicht unbedingt greifbar. Bei Tacklings und Zweikämpfen verhält sich der Ball leider nicht wirklich realistisch. Hier fühlt sich eFootball PES 2020 einfach mehr nach einer Simulation an, während FIFA 20 sich weiterhin wie auf einer vorgegebenen Bahn spielt. Komfortfunktionen wie die Taktikvorlagen und das schnelle Switchen zwischen ihnen geht aber bei FIFA 20 deutlich angenehmer von der Hand. Die Grafik ist wieder einmal ordentlich. Die Frostbite Engine liefert sehr schöne Animationen und schafft es, eine starke Atmosphäre auf den Bildschirm zu zaubern. Wuchtige Spieler wie ein Virgil van Dyke stemmen sehr schön ihren Körper in den Gegner, um zum Beispiel einen Ball abzuschirmen oder bei Ecken das einfache Verwerten durch Kopfbälle zu verhindern und sehr schnelle Flügelspieler wie ein Mo Salah sind fast nicht mehr einzuholen. Ebenfalls einen guten Job machen die Schiedsrichter, welche greifbarere Entscheidungen treffen als in eFootball PES 2020. Trotz allem wirkt das System ohne VAR veraltet. Dies ist aber auch bei Konamis Konkurrenztitel zu bemängeln. Mein persönlicher Favorit ist der stinknormale Karriere-Modus. Wähle eine Mannschaft, werde ihr Trainer und schaffe den Aufstieg in die 1. Liga oder verhindere den Abstieg. Einfach und unkreativ, aber in den letzten Jahren immer sehr spaßig zu spielen. Aber auch hier zeigen sich dieses Jahr leider Probleme. Spieler, welche gute Leistungen zeigen und eigentlich mit ihren Werten steigen sollten, fallen in ihren Bewertungen ab und umgekehrt. Im späteren Verlauf einer Karriere fangen Top-Mannschaften wie Liverpool auf einmal an, regelmäßig ihre zweite Garde aufzustellen und stehen plötzlich nur noch im Mittelfeld der Tabelle. Natürlich auch im realen Leben möglich, aber eher unwahrscheinlich. Es wirkt vieles nicht durchdacht oder auch nicht richtig getestet. Leider fällt es mir schwer, noch Spaß am Karrieremodus zu haben bei diesen Fehlern.
Das volle Paket
Lizenzen. Hier bietet FIFA 20 einfach wieder das volle Programm. Dieses Jahr bekannterweise zwar ohne Juventus Turin, welches sich in FIFA 20 Piemonte Calcio nennt, und ohne die Allianz Arena, aber dafür mit über 30 offiziellen Ligen, mehr als 700 Teams und über 17.000 Spielern. Zusätzlich hat EA die Rechte für die Champions League und die Europa League. Dies sorgt einfach für einen unglaublich hohen Realitätsgrad und macht die Spiele einfach weitaus authentischer, als es bei eFootball PES 2020 der Fall ist. Auch die Modi-Auswahl kann sich sehen lassen und bietet eigentlich für jeden Spieler etwas. Sei es der neue Volta-Modus, Ultimate Team oder aber auch Klassiker wie der Karriere- oder Pro Club-Modus. Hier wird jeder Fussballfan fündig. Gerade was die Präsentation der einzelnen Modi angeht, steht FIFA 20 zwei Schritte vor eFootball PES 2020. Es wirkt einfach alles moderner und besser. Seien es die Pressekonferenzen in der Liga, den europäischen Cups oder als aufgehender Stern am Profi-Fussball-Himmel.
Ein Manko, welches sich FIFA 20 mit eFootball PES 2020 teilt, sind wieder einmal die Kommentatoren. Diese erschrecken mit dauernd wiederholten Phrasen aus der untersten Kommentatoren-Schublade. Hier empfehle ich entweder das Ausschalten der selbigen oder das regelmäßige Wechseln auf eine andere Sprache. Zum beliebtesten Modus in FIFA 20, dem Ultimate Team-Modus, äußere ich mich nicht großartig. Nach NBA 2K20 musste ich mich gefühlt einer Selbsthilfegruppe anschließen, um dort Gesehenes zu verarbeiten. Leider ist es bei Ultimate Team nicht anders. Natürlich kann man auch ohne Echtgeld eine starke Mannschaft aufbauen, dies ist allerdings mit Grind zu kombinieren. Lassen wir kurz ein paar Zahlen sprechen: E-Sport-Profis geben im Schnitt 1400 bis 1800 Euro an den ersten Tagen aus, um überhaupt konkurrenzfähig zu sein. Zitat von Cihan Yasarlar, Profi bei RB Leipzig: "Ich investiere in den ersten Tagen und Wochen mehrere Tausend Euro." Rund 28 Prozent des Umsatzes von EA geht aus Ultimate Team hervor.
Ein weiterer Paukenschlag: Die Switch-Variante von FIFA 20 ist eine Legacy Edition. Das ist nicht der Name für eine unglaublich gute und auf die Switch-Hardware angepasste Version, sondern sagt nur aus, dass Switch-Spieler im Grunde beschissen werden. Legacy Edition heißt: Alte FIFA- Version, in dem Fall FIFA 19, mit geupdateten Teams. Thx EA!

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