Mensch oder Maschine

Was macht eigentlich einen Menschen aus? Sind es biologische Komponenten? Ein freier Wille? Die Art, wie man die Welt um uns herum wahrnimmt und mit ihr interagiert? Keine leichten Fragen. Trotzdem haben sich die Entwickler Quantic Dream eben diese als Leitmotiv ihres neuesten Spiels, Detroit: Become Human, gesetzt. Auch wir haben uns das Androidenabenteuer der Macher von Spielen wie Fahrenheit und Heavy Rain angesehen.
Ich bin ihr Android. Wie kann ich helfen?
Die schillernde Zukunft von 2038! Naja, okay, so schillernd ist sie gar nicht. Alles wirkt sehr vertraut und irgendwie wie in unserer Zeit, wären da nicht die selbstfahrenden Autos, Hologrammwerbetafeln und Androiden. Was, sie haben noch gar keinen? Dann wird es aber Zeit! Für nur ein paar Tausend Dollar schafft man sich so eine hörige Arbeitskraft an, die keine Widerworte gibt, so ziemlich alles rund ums Haus erledigen kann und sich nach einem langen Tag auch noch mit den Kindern beschäftigt. Gefertigt werden diese Wunder der Technik in Detroit von der Firma CyberLife. Was CyberLife allerdings nicht so gerne zugibt, ist die Tatsache, dass es mit einigen ihrer Androiden Probleme gibt. Diese Abweichler genannten Roboter sind fest davon überzeugt, Gefühle und einen freien Willen zu besitzen. Sie sind doch intelligent. Sie können denken. Warum sollten sie einem Menschen dienen und nicht einfach frei sein? Unsere drei Hauptfiguren, aus deren Augen wir die Story abwechselnd erleben, lassen solche Ideen eher kalt. Markus zum Beispiel ist recht zufrieden damit, sich um den gütigen, aber greisen Maler Carl zu kümmern. Die Haushaltshilfe Kara stört sich nicht daran, dass ihr Besitzer sich den ganzen Tag zudröhnt und seine Tochter misshandelt, während sie alte Pizzaschachteln wegräumt. Und trotzdem kommen für beide Momente, in denen sie aus ihrer Programmierung ausbrechen und ihrem eigenen Weg folgen. Warum? Das wissen sie selbst nicht. Allerdings sind sie sich sicher, dass sie nicht sterben wollen. Und schon sind sie Abweichler! Um solchen auf die Spur zu kommen gibt es unsere dritte Hauptfigur, Connor. Als neuester CyberLife-Prototyp ist er der erste Detective-Androide, der zusammen mit dem technikhassenden Lieutenant Anderson herausfinden soll, warum es so viele Abweichler und mit ihnen verbundene Gewalttaten gibt. Drei Androiden, drei Geschichten, eine Stadt. Und nur wir entscheiden, was passieren wird.
Wähle weise!
Klingt mythisch, ist aber genau, worum sich Detroit: Become Human dreht – Entscheidungen! Wir navigieren abwechselnd Markus, Kara und Connor durch die Spielwelt, interagieren mit der Umgebung und führen Dialoge. Dabei hat fast alles, was wir tun, Konsequenzen. Finden wir zum Beispiel beim Aufräumen des Hauses eine Waffe, haben wir später die Möglichkeit, diese in einer brenzligen Situation als Option zu nutzen. Versprechen wir einem NPC etwas, erwartet er später auch, dass wir uns darum kümmern. Verägern wir jemanden, sollten wir das beim Weiterspielen immer im Hinterkopf behalten. Jedes Kapitel, das wir spielen, zeigt uns am Ende einen mal mehr, mal weniger weit verzweigten Baum mit all unseren Entscheidungen. So kann sich nicht nur die Art und Weise verändern, wie eine bestimmte Szene abläuft, sondern auch der gesamte weitere Spielverlauf. Dazu muss gesagt werden, dass unsere Figuren sterben können. Direkt in unserem ersten Spieldurchlauf, noch im ersten Kapitel, hat sich unser Connor eine Kugel eingefangen. Das ist nicht nur für Menschen tödlich, sondern auch für Androiden. Hier liegt aber der Clou von Detroit! Auch wenn wir eine Sequenz nicht bestehen, das Spiel läuft einfach weiter. Die Erzählung verändert sich, klar, aber wer einen bedrohlich aussehenden Game Over-Screen erwartet, wird enttäuscht. Wir sind in unserem Test zuweilen sogar recht oft gestorben. Das liegt daran, dass Detroit: Become Human neben Dialogen, in denen wir stets vier Gesprächsoptionen haben, zur Konfliktbewältigung stark auf Quick Time Events baut. Das ist an und für sich nichts Neues, allerdings gibt die Playstation 4 den Entwicklern die Möglichkeit, einfach noch mehr Tasten in den Pool an Optionen zu werfen. Wir klicken also nicht nur wild auf Buttons und Schultertasten herum, sondern müssen unseren Controler ab und an auch rasch zur Seite bewegen oder über das Touchpad streichen. Kein Problem eigentlich, wenn es nicht so oft unübersichtlich und uneinheitlich wäre. Mal müssen wir für die gleiche Aktion verschiedene Knöpfe und Bewegungen ausführen, ziemlich fix sogar, denn die Actionszenen werden recht schnell hektisch. Unwillkürlich richtet man sich sofort etwas auf, wenn sich eines der Quick Time Events anbahnt. Sonst ist die Steuerung allerdings recht intuitiv. Wer bereits frühere Titel des Entwicklerteams gespielt hat, weiß, dass man eine Tür nicht einfach per Knopfdruck öffnet, sondern mit dem Controlstick die Bewegung des Türöffnes nachahmt. Am Anfang ist das zugegeben ungewohnt, allerdings findet man sich rasch hinein.
Fehler in der Programmierung
Okay, eigentlich haben ja die Abweichler den Fehler in ihrer Software, aber auch Detroit ist nicht ganz makellos. Während die deutschen Sprecher einen überwiegend zufriedenstellenden Job machen und auch das Motioncapture eindrucksvolle Szenen schafft, ist das Dialogsystem recht einschnürend. Zu jeder Zeit haben wir nur vier Optionen, die uns auch nur durch ein Wort dargestellt werden. Das macht es nicht gerade leicht zu erahnen, was unsere Spielfigur am Ende eigentlich sagen wird. Und plötzlich kriegen wir Abzüge in dem recht simplen Beziehungssystem weil unsere Figur etwas gesagt hat, was wir eigentlich nicht wollten. Auch macht es der ständige Szenenwechsel schwierig, wirklich mit den Nebenfiguren mitzufühlen. Für unsere Hauptfiguren reicht es gerade noch so. Aber wenn einer der NPCs stirbt, ist das für Markus, Kara und Connor zwar tragisch, uns als Spieler lässt das aber eher kalt. Wir konnten einfach keine Verbindung zu ihnen aufbauen. Auch die ständigen kleinen Kanten, an denen sich unsere Figuren gerne einmal aufhängen und die wir dann erst weiträumig umlaufen müssen, stören den Spielfluss. Leider spielt sich das alles auch vor einer recht simplen Welt ab. Dass es in der Zukunft spielt, merken wir hauptsächlich an dem wahnhaften Gebrauch von LEDs in allen Lebenslagen. Wollen wir dann doch etwas mehr über das Jahr 2038 herausfinden, stehen uns ein paar Zeitungsartikel zur Verfügung, wirklich in die Tiefe geht man allerdings nicht. Es wirkt viel mehr so, als hätten die Entwickler eine gute Idee gehabt, sie eingebaut und dann nicht mehr darüber nachgedacht. Hier verschenkt Detroid eben eine Menge Potenzial, da sich diese Zurückhaltung auch auf die Story selbst ausweitet. Wann immer wir denken, dass die moralischen Fragen, die hinter Detroit: Become Human stehen sollen, angegangen werden, fehlt einfach der letzte Schritt um wirklich etwas auszusagen. Stattdessen verlegt man sich auf möglichst starke Bilder, die Apartheid- und KZ-Eindrücke wecken. Nur leider greift das Team um Writer David Cage dabei eben etwas zu kurz. Dafür können wir die Geschichte eben immer etwas anders erleben. Entweder wir beginnen direkt von neuem oder werfen uns noch einmal in ein bestimmtes Kapitel, jede Handlung ändert etwas am Ausgang unserer Geschichte. Die rund zehn Spielstunden, die wir für einen Durchlauf brauchen, können so immer etwas anders erlebt werden.

1 Kommentar

Christian (Website) um 02.06.2018 - 16:56

Zunächst vielen Dank für den ausführlichen Test. Ich habe mir das Spiel heute aufgrund zahlreicher positiver Bewertungen gekauft. Auch war ich Fan von Heavy Rain und erhoffe mir hierbei ein ähnliches Erlebnis. Spiele mit einer guten Story fesseln mich ungemein, da kann ich auch gut und gerne über Grafikfehler hinwegschauen (bzgl. der Katen und unsichtbare Wände). Wenn dann auch noch zahlreiche Lösungsmöglichkeiten offen stehen, spiele ich oftmals so lange, bis ich wirklich alle gesehen habe. Die 70€ sind somit bestens investiert. Ich bin dann mal zocken! Viele Grüße Christian

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