Lang lebe der König!

Willkommen, Lords und Ladies – willkommen in meinem Reich, das potenziell die ganze Welt sein kann! Und jeder wird mein Vasall! Und sind sie nicht willig, so brauch ich einen Anspruch. Wovon ich rede? Crusader Kings III! Ich habe SO lange darauf gewartet und jetzt wird es Zeit, meinen rechtmäßigen Platz einzunehmen... Graf, Herzog, König, Kaiser! Wir werfen einen Blick drauf, was Paradox Interactive ins Reich der Grand Strategy-Games wirft.
Von Lords und Edelfrauen
Es ist schwierig, über die Story von Crusader Kings zu schreiben. WIR sind die Story. Ihr seid die Story! Und wenn ihr Freunde habt, die mitspielen, dann seid ihr alle die Story! Macht was euch gefällt. Schafft euer eigenes Europa. Dafür habt ihr zwei Startpunkte zur Auswahl: Entweder das Jahr 867, oder das Jahr 1066. Im Grunde bestimmt ihr damit nur, auf welchem Tech-Stand euer Spiel beginnt und wo die Grenzen entlanglaufen, die in beiden Fällen historisch sind. Von da an habt ihr jede Freiheit: Spielt als Lord in Irland, an der Schwelle vom Stammes- zum Feudalwesen. Oder einen der fränkischen Herzöge, fest eingebunden in die großen Königreiche und arbeitet euch die Karriereleiter bis zum König hoch. Etwas ausgefallener? Im Norden warten die Horden der Wikinger nur darauf, dass ihr die Langboote zu fruchtbaren Gestaden führt. Langweilig sollte euch wirklich nicht werden. Dabei spielt ihr, wie im Vorgänger, eine eigene Dynastie, beziehungsweise ein Mitglied dieser Dynastie, das die Zügel fest in der Hand hat. Aber passt auf... Nur weil ihr... Keine Ahnung... Herzog Rudolf der Dritte von Hessen seid, heißt das nicht, dass euer hinterlistiger Bruder, Herzog Theodor von Thüringen, nicht längst ein Auge auf eure Ländereien geworfen hat... Eine neue Ära in alten Zeitaltern
Wer mich kennt, der weiß, dass ich ein Faible für Mittelalter-Kram habe. Und Crusader Kings ist so sehr Mittelalter-Kram, dass mir nicht mal ein komischer Vergleich einfällt. Ich war also wirklich gespannt auf den Release. Und ich muss sagen: Sie haben es hinbekommen. Ich will gerade noch gar nicht mit meinem Fazit anfangen, sondern eher darauf hinaus, dass sie nicht einfach nur ein Grafik-Update aufgespielt haben. Entwickler Paradox hat wirklich an jedem System gearbeitet oder es gleich komplett neu entwickelt.
Ausgebildete Truppen? Sind jetzt direkt von Anfang an ein wichtiger Part unserer Armee, aber nicht mehr die ganze Zeit auch ausgehoben. Stattdessen verbessern sie die Qualität unserer Armeen – diese existieren nämlich hauptsächlich aus unerfahrenen Bauern, die wir frisch von ihren Feldern rekrutiert haben. Dann liegt die Qualität vielleicht bei zwei oder drei. Mit erfahrenen Recken, die unser Heer nebenbei auch noch zahlenmäßig verstärken, kommen wir rasch auf eine Qualität von fünf! Selbst wenn wir dann zahlenmäßig unterlegen sind, können wir auch größere, aber qualitativ schlechtere Armeen besiegen. Hua! Auch das Forschungssystem ist neu. Statt einzelne Länder, die Fortschritt in drei Hauptsparten sammeln, haben wir nun ein Kulturensystem. Sind wir Franke, stehen uns auch nur die kulturellen Fortschritte der fränkischen Kultur zur Verfügung, wie beispielsweise die Währung zu Beginn. Der stärkste fränkische Herrscher darf dazu noch eine Faszination auswählen, sprich, woran als nächstes geforscht wird. Das könnte zum Beispiel Städtebau sein, mit dem wir dann eben Städte in unseren Grafschaften erbauen können. Eingeteilt ist dieses Kultursystem ist vier Zeitalter (Stämme, frühes, hohes und spätes Mittelalter), wobei jedes Zeitalter eigene mögliche Wege und natürlich Faszinationen mit sich bringt. Von hier an könnte ich weitergehen und SO viel mehr auflisten. Ein neues Religionssystem, das modular aufgebaut ist und auch die Kreation eigener Glaubensrichtungen erlaubt. Lebenswege für unseren gespielten Charakter, die wie Skillbäume aufgebaut sind, mit ihren eigenen, einzigartigen Events. Dynastie-Erfahrung, die uns dabei hilft, aus einer einfachen Dynastie, Material für die Geschichtsbücher zu machen. Und, und, und! Wenn ich alle Neuheiten hier auflisten würde, wären wir vermutlich mit drei Tests noch nicht fertig. Schaut Dev-Vids an, joint dem Discord der Entwickler, Videos noch und nöcher... Denn Crusader Kings III ist nicht einfach nur eine Fortsetzung des alten Crusader Kings, sondern es wurde ganz neu aufgelegt, ohne seinen Charme zu verlieren!
Wir werden episch siegen und... Wo seid ihr...?
Ihr merkt es also schon, ich bin ziemlich begeistert. Paradox-Veteranen unter euch werden sich vielleicht an frühere Launches ähnlicher Titel erinnern und sich fragen, ob man direkt zuschlagen kann (Imperator: Rome lässt grüßen...). Ja. Ja, kann man. Denn Paradox liefert hier ein Paradebeispiel dafür, wie ein guter Grand Strategy-Titel aussehen kann. Es wurden nicht in Civilizations-Manier einfach alle früheren DLCs wieder rausgeschnitten, sondern vieles sinnvoll integriert! Dazu kommt dann eben doch noch das hübschere Gewand. Die Welt ist weniger kantig, die Armeen auf der Weltkarte wirken weniger hölzern und natürlich unser eigenes Auftreten – eine Wonne. Denn statt mit Charakter-Porträts arbeiten wir nun mit wirklichen 3D-Modellen, die sich sehen lassen können. Ein wichtiges Feature: Der Editor, mit dem ihr Haarschnitt, Bart und auch Kleidungsaspekte eurer Figuren beeinflussen könnt (und auch eurer Familie). Ihr wurdet im Krieg gegen den König von Böhmen schwer verwundet? Dann müsst ihr jetzt erstmal damit leben, dass euer Gesicht ein zerschundenes Mahnbild eurer Niederlage ist.
Nach wie vor gibt es keine Vertonung der Inhalte, was mich als Serien-Kenner wirklich nicht stört und auch dem Spielspaß keinen Abbruch tut. Dafür könnt ihr euch aber auf einen gewohnt stimmungsvollen Soundtrack freuen, der auch alte Titel in frischen Aufnahmen wiederbringt. Und: Selbst die deutsche Übersetzung scheint nicht mehr komplett aus dem Übersetzer kopiert worden zu sein, auch wenn es hier und da noch ein wenig hakt – deutsche Sprache, schwere Sprache. Außerdem werde ich ein wenig meine Antwortbox „Ihn soll verroten“ des zweiten Teils vermissen... Auch im Multiplayer habe ich es getestet und in über einem Dutzend Spielstunden keine Probleme entdeckt. Keine Verbindungsabbrüche, keine Lags, keine Hänger, nur Spielspaß. In einem Speicherstand zum Beispiel arbeite ich mich, als Herzog von Thüringen, an der Seite meines Mitspielers, dem König der Lausitz, langsam durch die Reiche meiner politischen Feinde. Macht gleich doppelt spaßig!
Es ist wieder relativ schwierig, Probleme mit dem Spiel zu finden (wie es mir schon bei meinem Test für Iron Harvest vor ein paar Tagen erging). Klar kann man jetzt argumentieren, dass Crusader Kings 3, wie auch andere Paradox Interactive-Spiele, ein wahrer Behemoth ist, in den Neulinge nur mäßig gut reinfinden... Kaum ein Tutorial kann daran vermutlich viel ändern, da es einfach so viele Facetten zu erlernen und, vor allem, zu erleben gibt. Außerdem, was mich wirklich gestört hat, ist die gelegentliche Dummheit der AI. Verbündete, die plötzlich fliehen, und unsere Armee zahlenmäßig zurücklassen. Verbündete, die auf einer längst eroberten Grafschaft stehen, und sich für den Rest des Krieges nicht mehr bewegen. Einmal habe ich drei weit überlegenen Feindarmeen, der Krieg hätte längst rum sein können, dabei zugesehen, wie sie einfach nur abwechselnd im Kreis gelaufen sind und nichts eingenommen haben. Das passiert selten, keine Sorge, und auch die Entwickler arbeiten an diesen Patzern. Sonst ist Crusader Kings III aber genau das, was ich davon erwartet habe.
Das mögen andere Franchise-Veteranen eventuell anders sehen. Wir sind ein eigensinniger Haufen. Aber Crusader Kings II hatte lange Zeit, um zu dem zu werden, was es heute ist. Crusader Kings III hat dafür einen echt starken Headstart.

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